Herr Leach erklärt das Pferdefleischtabu

Februar 14th, 2013

Es gibt diverse Ansätze, Nahrungstabus zu erklären, die gerade in Sachen Pferdefleischskandal – wie sagt man? – in aller Munde sind. Natürlich spielt bei dieser Pferdefleischsache eine Rolle, dass man als Endverbraucher gerne wissen möchte, was man isst. Wenn in einer Rinderlasagne statt Rind nicht Pferd, sondern Schwein wäre, würde man sich womöglich schon auch ganz leise wundern. Aber Pferdefleisch ist darüber hinaus mit einem – wenn auch schwachen – Tabu belegt.

Vielleicht nicht die freshste kulturwissenschaftliche Schule, aber trotzdem gut zitierfähig ist die Arbeit des Ethnologen Edmund Leach. Er hat in den Siebzigerjahren zu Nahrungstabus und Sexualvorschriften in Großbritannien, Heimat der Pferdelasagne, gearbeitet und zwei nahezu homologe Reihen zu Nahrungs- und Sexualtabus herausgearbeitet (zitiert nach Michael Oppitz, 1975/1993, “Notwendige Beziehungen. Abriss der strukturalen Anthropologie”, Frankfurt/Main, S. 168f.):

1 a. Schoßtiere, die dem Menschen besonders nahe sind, gelten als ungenießbar.

1 b. Blutsverwandte sind sexuell besonders stark tabuisiert.

2 a. Die Haustiere, die zum Haushalt (des Bauern) zählen, aber nicht die Wohnung des Menschen teilen, sind zum Teil essbar, und zwar zunehmend in dem Maße, wie sie psychologisch gesehen vom Menschen abrücken. Das Pferd gehört in diese Kategorie; anders aber als Schweine, Schafe, Rinder und Hühner steht es dem Menschen psychologisch nahe, genau wie Esel und Ziegen.

2 b. Menschen, die weitläufiger verwandt sind, sind ebenfalls mit einem sexuellen Tabu belegt, das aber deutlich schwächer ist.

3 a. Tiere der freien Wildbahn, die unter dem Schutz des Menschen stehen, aber nicht gezähmt werden, sind essbar.

3 b. Nachbarn sind die eigentliche Kategorie der potenziellen Heiratspartner.

4 a. Wilde Tiere, die außerhalb jeder menschlichen Kontrolle stehen, gelten als ungenießbar.

4 b. Fremde gelten als nicht heiratsfähig, jedenfalls nicht solange sie nicht in die Nachbarschaft integriert sind (dann wären sie aber Kategorie 3b).

Auf der Achse von Nah bis Fern sind also die Extrempunkte mit Tabus belegt. Oppitz: “Was an essbaren Substanzen als genießbar verstanden wird und was nicht und wer an lebenden Personen als sexuell zuträglich aufgefasst wird und wer nicht, entscheidet sich nach dem gleichen Muster – einem Muster, das durch Kategorien des Denkens, die sich sprachlich veräußern, zustande gekommen ist.”

Das Wort “horse” sei zu nah am menschlichen “arse”, um es zu essen. Tatsächlich wechseln essbare Haustiere im Englischen ihre Namen, wenn sie Fleisch werden: Bullock wird zu beef, pig zu pork, sheep zu mutton. Für zu Fleisch gewordenes Pferd gibt es keine Entsprechung.

Wer nicht mampft, bleibt dumm

Februar 13th, 2013

Die Sesamstraße wird 40 – nur das Krümelmonster widersetzt sich bis heute ihrer Pädagogik (zuerst erschienen im “Freitag”, Januar 2013)

Man hat, wenn man die Welt der Kinder wahrnehmen will, immer noch die Welt im Kopf, die man selbst als Kind erlebt hat. Man kann das, wenn man nicht viel älter als 45 ist, an der Sesamstraße überprüfen.

Vor 40 Jahren, am 8. Januar 1973, wurde sie in der Bundesrepublik – in der DDR gab es sie nicht – erstmals ausgestrahlt. Auf den ersten Blick hat sich seitdem nichts geändert: Das Wer-wie-was-Lied gibt es noch, Ernie und Bert, das Krümelmonster. Die Sesamstraße steht in einer Reihe mit den Rolling Stones und eingemachtem Obst. Alles geschaffen, um zu überdauern.

Wenn man sich die Sendung aber anschaut, sieht man, dass die Kinder von heute doch in vielerlei Hinsicht eine andere Veranstaltung geboten bekommen. In einer animierten Spin-Off-Serie namens Ernie und Bert im Land der Träume haben selbst diese beiden neue Charakterzüge bekommen. Sie träumen sich darin auf Schatzsuche oder ins Weltall, statt das Einschlafen zu verweigern und sich Bananen in die Ohren zu stecken, um Alligatoren abzuhalten. Sie scheinen wilder geworden zu sein, sind aber braver geworden – sie träumen ihre Wildheit nur, während sie elternfreundlicher schlummern als je zuvor.

Immergleich ist über all die Jahre nur das Krümelmonster geblieben. Es verkörpert nicht nur durch seine Haltbarkeit das Jubiläum der Sesamstraße am besten. Es zeigt auch, was Kindsein in einer Welt der Erwachsenen bedeutet und erfordert, nämlich eine Integrationsleistung. Die ist das eigentliche Thema der Sendung. Und das Krümelmonster verweigert sie als einzige Figur.

Um vorne zu beginnen: Die Sesamstraße war vom ersten Entwurf an eine pädagogische Sendung; eine, die zugleich anarchisch ist und von der Zähmung der Kinder handelt. In den USA, von wo aus die Sendung in 150 Länder exportiert wurde, sollten Kinder, vornehmlich die aus Haushalten, die man heute bildungsfern nennt, mit der Sesamstraße zunächst einfach Dinge lernen können, die sie sonst vielleicht verpassen würden. Zahlen und Buchstaben zum Beispiel, eine der bekanntesten Textzeilen aus der Sesamstraße lautet: „Dieser Buchstabe hier ist ein A.“ Aber es geht auch um Verhaltensweisen. In Südafrika gibt es daher eine HIV-positive Figur; in einer gemeinsamen Sesamstraße für Israel, Palästina und Jordanien leben die Puppen ein friedliches Miteinander vor; und in den USA plaudert die Puppe Elmo mit der Schauspielerin Whoopi Goldberg über ihre Hautfarbe. Das hat den Nebeneffekt, dass man sich in aller Welt die Serie anschauen und dabei lernen kann, wo es in der Erwachsenenwelt knirscht.

Nur das Krümelmonster, wie gesagt, ist unerwachsen geblieben. Die dunkelblaue Puppe trägt ihre Augen, anders als alle anderen, nicht im Gesicht, sondern oben auf dem Kopf. Die Pupillen sind nicht fixiert, so dass es, wenn es sich bewegt, stets in mehrere Richtungen gleichzeitig blickt. Die Erwachsenenwahrnehmung: Das Krümelmonster könnte ADHS haben. Die Kindeswahrnehmung: Es ist sehr zielstrebig, es kann überall zugleich nach Keksen suchen. Krümel will Kekse. Und nimmt sie sich. Das Monster erinnert Erwachsene daran, dass sie gerne nochmal in einem Alter wären, in dem Krümeln nicht stören. Und Kinder daran, dass sie auch einen Keks brauchen.

Krümelmonsters Beitrag zur Ordnung der Welt, an der die Sesamstraße ansonsten arbeitet, ist also ihre Entordnung. Nicht aus Bosheit, sondern weil es Spaß macht.

Alle Figuren, die schon ein paar Grundregeln des erwachsenen Miteinanders beherrschen, wurden dagegen im Lauf der Jahre und der Kindergenerationen verändert. Auf die menschlichen US-Originaldarsteller folgten bald Lilo Pulver und Manfred Krug; später, wurde die Puppe Grobi zum Computerexperten, und als der Harry-Potter-Boom einsetzte, spielte Dirk Bach den Zauberer Pepe. Mittlerweile gibt es in der deutschen Ausgabe nicht einmal mehr den 1978 eingeführten Faulbär namens Samson und auch nicht den rosafarbenen Duschschwamm namens Tiffy oder den zickigen Herrn von Bödefeld.

Auch der Programmplatz ist ein anderer. Statt am Vorabend im Dritten läuft die Sesamstraße heute am frühen Morgen im Kika und fristet ihr Dasein in einer Kindernische. Sie ist in der Erwachsenenfernsehwelt das Kind, das leise sein muss, um die Großen nicht zu stören, wenn sie sich um gewichtigere Dinge kümmern. Die Sesamstraße spielt heute nicht einmal mehr draußen auf der Straße; sie spielt zu Hause bei der Figur Elmo. Lena Meyer-Landrut singt den Titelsong, zu dem man nun keine Kinder mehr sieht, wie sie gefährliche Turnmanöver auf Spielplätzen unternehmen, sondern Elmo, wie er in ein Instrument trötet. Es liegt nahe, die Entwicklung der Sendung im größeren Rahmen zu deuten: Sie spiegelt einen Trend zur Häuslichkeit und zur Überhütung der Kinder, die lieber nicht mehr jenseits des Zauns spielen sollten, es könnte ja eine Jumbojet-Düse vom Himmel fallen oder wenigstens ein morscher Zweig.

Ein wenig musste sich dabei übrigens auch das Krümelmonster domestizieren lassen. Als die US-Politik das dicke Kind als Thema entdeckte, pflanzte Michelle Obama in der Sesamstraße mit Elmo Gemüse, und das Krümelmonster bekam eine Diät aufgedonnert. Es musste lernen, dass ein Keks keine Hauptmahlzeit ist. Es dozierte: „Kekse isst man nur ab und zu.“ In der deutschen Version allerdings krümelt das Monster immer noch und blieb, wie es war. Weitgehend. Dass es auch hier nun weiß, wie Gemüse aussieht – ja Gottchen. Man muss optimistisch sein: Es wird den Kindern schon nicht schaden.

FTOJ 2012: Über guten Onlinejournalismus

Mai 11th, 2012

Beim “Frankfurter Tag des Onlinejournalismus” 2012 am 14. Mai spreche ich über Beispiele für guten Onlinejournalismus. Folien ohne Kontext hier oder bei Slideshare oder sonstwo reinzuklatschen finde ich nicht sinnvoll. Den Stream trage ich aber hier –> UPDATE: IST NACHGETRAGEN <– demnächst nach. Anbei die Quellen und, sofern vorhanden, die Links zu den gezeigten (und einigen nicht verwendeten) Beispielen:

Beispiel für die gelungene onlinespezifische Aufbereitung von Themen, die auch für die Zeitung oder ein Buch aufbereitet wurden:

a) Der Beitrag über Twitter-Accounts von Politikern im Vergleich von Jan Heidtmann: “Hi, bin drin, echt!” erschien gedruckt in: Süddeutsche Zeitung, 21.04.2012. Und hier die gelungene Onlineversion für Leute mit anderen Rezeptionsgewohnheiten

b) Die Fotos, die japanische Küstenorte direkt nach dem Tsunami vom 11.03.2011 und im Februar 2012 zum Vergleich zeigen: auf dem Printtitel der “National Post” vom 12.03.2011 und 09.02.2012, abrufbar hier

Und die Online-Aufbereitung von Zeit Online mit dem sehr eleganten Schiebebalken: „Wie der Tsunami Japans Küstenorte fortriss“

c) Die Geschichte von Anonymous, erzählt von Konrad Lischka, Ole Reißmann, Christian Stöcker im Buch “We are Anonymous”. Und bei Spiegel Online unter dem Titel “Geboren zwischen Katzen und Sex”, in einem anmutig dem inhaltlich hierfür relevanten Forum 4chan nachempfundenen Layout

Beispiele für die “Erweiterung der Erfahrungswelt” durch die mehr- oder multimediale Onlineaufbereitung eines Themas:

a) Computerspiel-Artikel: Die Titelgeschichte New York Times Magazine vom 04.04.2012 über vollkommen idiotische Computerspiele (die wir natürlich trotzdem lieben) von Sam Anderson wurde online unter dem Titel “Just One More Game…” aufbereitet als vollkommen idiotisches Computerspiel (das wir natürlich trotzdem lieben)

b) Beispiele für Audio-Slideshows:

Matthias Eberl: „Außen Puff, innen Hölle“, ausgezeichnet mit dem Reporterpreis 2009

Matthias Eberl: „Neben dem Fest“

Beispiele für den User in Aktion:

a) Matthias Eberl: “Wenn er weg ist, wird er fehlen” als Beispiel für einen Slideshow-Versuch mit interaktivem Tontext, bei dem der Nutzer selbst u.a. die Geschwindigkeit aktiv bestimmt

b) Die multilineare Langstraße-Dokumentation: Christoph Müller, Frank Senn: „360 Grad Zürich Langstrasse“, SRF

c) Interaktive Timeline zum arabischen Frühling des Guardian: “Arab spring: an interactive timeline of Middle East protests” – was wann wo geschah

d) Parteispendenkarte der taz von OpenDataCity – wer hat wann an welche Partei gespendet?

e) Sport-Infografik der New York Times: “How Mariano Rivera Compares to Baseball’s Best Closers”

f) Infografik über Gay Rights des Guardian: “Gay Rights in the US, state by state”

Beispiele für den Dialog mit dem User:

a) Beispiel für die Einbindung sozialer Netzwerke mit Storify: Aufbereitung der Kony-Kampagne von Andreas Jahn: “Die Banalität des Sentimentalen”, NZZ

b) Beispiel für Live-Blogging im Dialog: Twitter-Account “ReporterZDF”

Nicht verwendete weitere Beispiele:

a) der Zugmonitor der SZ

b) Über die Weltkarte deutscher Entwicklungszusammenarbeit, via Zeit Online

c) Über das US-Geheimdienstwesen, Washington Post

d) Sehr hübsch: das “Three little Pigs”-Werbevideo des Guardian über den hauseigenen Digitaljournalismus

e) Der Podcast als bessere andere Talkshow: “Alternativlos 20″, dazu das von begeisterten Hörern erstellte Transkript

Anregungen gefunden bei folgenden weiterführenden Texten und weitere Links:

a) Dirk von Gehlen: “Was ist guter Onlinejournalismus?”, dvg.de

b) Stefan Plöchinger: “1 + 1 +1 = so viel mehr als 3″, vocer.org

c) Wolfgang Michal: “Das Pantelouris-Experiment”, carta.info

d) Der “Zapp”-Beitrag “Verleger verschlafen Online-Entwicklung” vom Mai 2012 (bitte bei Interesse jetzt sofort klicken, sonst ist er wahrscheinlich hinter der Über-Gebühr-bezahlt-Schranke verschwunden)

e) Erzählen mit Social-Media-Anbindung, siehe etwa Storify oder MundusMedia

Urheberunrecht?

März 15th, 2012

Interessanter Fall, mit dem ich mich kürzlich im Rahmen der Beschäftigung mit Urheber- und Leistungsschutzrecht befasste. Ich habe ihn mal protokolliert:

“Ich habe vor einigen Jahren meine Magisterarbeit bei einem wissenschaftlichen Buchverlag veröffentlicht. Das war ein wenig eitel – ein Buch zu veröffentlichen, mit meinem eigenen Namen vorne drauf, das erschien mir damals einfach reizvoll. Aber es geschah nicht nur aus Eitelkeit: Ich hatte ein Thema bearbeitet, zu dem niemand sonst so umfangreich geforscht hatte. Ich wollte die Ergebnisse (die valide sind und die ich für relevant für ein Nischenpublikum halte, auch wenn ich nur im Rahmen einer Abschlussarbeit auf sie stieß) nicht einfach unveröffentlicht verschimmeln lassen.

Wie es für wissenschaftliche Arbeiten, aber auch – sofern sie gedruckt werden – für Magisterarbeiten durchaus üblich ist, habe ich für die Veröffentlichung einen Druckkostenzuschuss bezahlt. Ich selbst habe ihn entrichtet, ich hatte kein Stipendium, mit dem die Kosten abgedeckt worden wären. Nicht ich als Autor habe also ein Honorar vom Verlag bekommen, sondern der Verlag bekam für die Veröffentlichung Geld von mir. Für jedes verkaufte Exemplar bekomme ich eine kleine Beteiligung.

Das ist wirtschaftlich nicht schlau gewesen, und dennoch konnte und kann ich damit leben. Das Buch ist für einen nennenswerten Markt (und wäre damit wirtschaftlich für einen Verlag unter anderen Konditionen) uninteressant, und darum, meine Arbeit zu Geld zu machen, ging es mir damals überhaupt nicht. Wie es üblich war, habe ich in diesem Rahmen allerdings auch die Nutzungsrechte an dem Werk abgegeben, ich darf es laut Vertrag also nicht an anderer Stelle noch einmal veröffentlichen.

Heute würde ich einen solchen Vertrag nicht mehr unterschreiben, sondern laut lachen und die Arbeit einfach im Internet veröffentlichen. Mehrfach wurde ich mittlerweile von Studenten darum gebeten, ihnen die Arbeit per E-Mail zu schicken. Der Verlag verkauft sie nämlich zu allem Überfluss zu einem hohen Preis, und sie ist nicht in allen Universitätsbibliotheken vorrätig.

Ich würde diese Online-Veröffentlichung jetzt gerne nachzuholen, auch ohne Einverständnis des Verlags. Ich bin der Meinung, dass das Geschäftsmodell des Verlags aus der Zeit gefallen und – falls es das wirklich jemals war – heute nicht mehr vertretbar ist. Ihm sollte kein exklusives Nutzungsrecht an meiner Arbeit zustehen, auch wenn ich mich vor Jahren damit einverstanden erklärte, es abzutreten.

Wenn die Studie nun tatsächlich, auf welchen Wegen auch immer, im Internet landete, wäre das nicht einmal zum Schaden des Verlags – den Jahresabrechnungen nach, die er mir nicht schickt, verkauft er ohnehin keine Exemplare mehr. Wäre es unter diesen Umständen vertretbar, bei der Online-Veröffentlichung ein wenig nachzuhelfen, oder sich zumindest nicht dagegen zu wehren, wenn sie jemand vornehmen möchte?”

Nachruf auf Mr. Ebbo

Dezember 7th, 2011
Foto: KR

Mr. Ebbo wandte sich nicht an mich mit seinen Songs, und er traf mich auch prompt nicht damit. Aber ich habe sie gehört, weil Bongo Flava – tansanische Rapmusik – in Tansania überall lief, als ich dort für eine Zeitlang lebte. In den Bussen, in den Eckkneipen, in den Hinterhöfen – weil die meistgehörten Radiosender die Musik spielten. Egal, wo man sich in Dar es Salaam bewegte in den Jahren 2003 und 2004: Bongo Flava war auch da.

Mr. Ebbo war einer der wichtigsten Protagonisten der Musik. Er war kein Prototyp des Bongo-Flava-Stars; auf ihn traf vieles nicht zu, was man über die meisten anderen bekannten Rapper sagen konnte. Er lebte zum Beispiel nicht in Dar es Salaam, wo man eigentlich zu leben hatte, wenn man Musiker war. Dar es Salaam war das Zentrum der Musik, Ort der Zugezogenen, die mit einem Stadtleben die Hoffnung auf Aufbruch verbanden. Bongo Flava war Musik der Aufbruchsstimmung. Musik einer “kizazi kipya”, wie es hieß, einer “neuen Generation”. Und die zog nach Dar. Weil es dort die meisten Studios gab, die wichtigsten Radios und die meisten jungen Leute, die Kassetten kauften. Mr. Ebbo – eigentlich Abel Loshilaa Motika – kam aus Arusha und lebte in Tanga.

In Tanga zu leben, war natürlich noch kein Alleinstellungsmerkmal. Auch die national bekannten Rapper Wagosi wa Kaya lebten dort. Was Mr. Ebbo unter den Bongo-Flava-Künstlern auszeichnete, war vielmehr vor allem, dass er mit seiner Musik, mit seiner Performance, quasi ethnische Themen bearbeitete. Das tat sonst kaum jemand, der nicht nur lokal bekannt war.

Es war in jener Zeit eher üblich, und ich verstand es irgendwann als progressiv, dass die Rapper in ihren Songs und in ihrem Reden Bezug auf die Gemeinschaft ihrer Nation nahmen: auf Tansania, auf ein ethnisch diversifiziertes Land der vielen auch sozialen Unterschiede, an dessen Solidarzusammenhang sie so mitarbeiteten.

Mr. Ebbo dagegen repräsentierte in erster Linie die Massai, die Teil dieses Landes sind. Zugleich aber brach er humorvoll mit der Statik, die den Massai zugeschrieben wurde, er zeichnete ein dynamisches Bild der Leute, die (auch in Tansania) als rückständige Kuhhirten besetzt sind. Es gab weitere Massai-Rapper in den Nullerjahren, etwa die X-Plastaz aus Arusha. Die allerdings schafften es zwar, jenseits von Ostafrika hier und da wahrgenommen zu werden, sie veröffentlichten etwa mit etwas organisatorischer Unterstützung des niederländischen africanhiphop.com-Gründers Thomas Gesthuizen, der sie managte, ein Album in Europa. In Ostafrika selbst aber waren sie vor allem lokal relevant.

Mr. Ebbo dagegen war auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens, für einige Jahre Mitte der Nullerjahre, wohl der berühmteste Massai Ostafrikas.

Um sich, wenn auch etwas vage, vorstellen zu können, wer Mr. Ebbo für die tansanische Gesellschaft war, ist es vielleicht hilfreich, sich jemanden wie den deutschen Comedian Kaya Yanar vorzustellen: So wie der integrierend wirkt, wenn er “Was guckstu” sagte, weil er vermeintlichen Außenseitern der deutschen Gesellschaft das Gefühl gab, hoch- und damit auch ernstgenommen zu werden, so war Mr. Ebbo eine Stimme der Massai, die in Tansania quasi die Ostfriesen sind: Objekte des sachten Spotts.

Mr. Ebbo war ein Sohn von Massai-Eltern, auf der Bühne, aber nur da, trug er traditionelle rote und schwarze Massai-Kleidung, einen Speer und Rindsledersandalen. Mit “Mi Masai” – “Ich bin Masai” – hatte er einen Song geschrieben, den einige der Massai in Dar es Salaam, die dort etwa als Torwächter arbeiteten, fröhlich vor sich hinsangen, wenn ich sie auf meiner Suche nach den vorhandenen Bongo-Flava-Zusammenhängen bat, mir zu erklären, ob sie sich von Mr. Ebbo eher verschaukelt fühlten oder ernstgenommen. Die Sprachregelung lautete hier: “Mr. Ebbo repräsentiert uns wie kein anderer.”

Gleichwohl spielte er die Rolle des traditionsverbundenen Massai nur, und das war bekannt. Er hatte nie im Dorf gelebt; das Massai-Dorf seines Onkels, eines jener Dörfer also, die man als Tourist auf der Fahrt in die Nationalparks vorgeführt bekommt, sah er zum ersten Mal, als die BBC 2002 eine Reportage über ihn drehte. Er war ein Stadtkind, und sein Zugang zu den Massai war ein eher politischer: Er wollte jenen eine Stimme geben, die sonst keine hatten – die Massai geraten in Tansania immer wieder einmal zwischen die politischen Fronten, etwa wenn es um ihr Land geht, das man ja auch irgendwie anders, wirtschaftlicher, nutzen könnte. Er persiflierte die Vorurteile über sie und ihre vermeintlich unsaubere Sprache, indem er in der an ähnlich klingenden Silben reichen Sprache Kiswahili Silben verdrehte. Er sagte etwa “nashuruku” statt “nashukuru”: etwa “Dielen Vank” statt “Vielen Dank”; aus Dar es Salaams Stadtteil Mikocheni wurde in seinem Song “Michokeni”. Er war insofern Integrator und Parodist. So sah er sich auch selbst. Sagte er jedenfalls.

Ich traf Abel Loshilaa Motika das erste Mal am 23. Januar 2004, als ich für das Münchner Label out here records, zusammen mit Jay Rutledge und Georg Milz, eine Bongo-Flava-Compilation zusammenstellte und versuchte, mit der Songauswahl die Musik so gut wie möglich abzubilden. Mr. Ebbo trat am Abend im Gymkhana Club, einem Golfclub im Herzen Dar es Salaams, vor einer geschlossenen Gesellschaft auf, die ihn gebucht hatte. Und weil er schon mal in der Stadt war, klapperte er vorher ein paar Radiostationen ab: Wir fuhren zu Radio Tumaini hinter der Azania-Kirche, zu Magic FM und Radio Uhuru. Für alle DJs, die er traf, hatte er ein bisschen Geld dabei – kein ganz ungewöhnlicher Vorgang –, und noch während wir die Runde im Taxi machten, lief sein neuer Song “Bongo Fleva” erstmals im Radio. So lief’s Business.

Er war ein herzlicher Kerl, der sich für unsere Bongo-Flava-Compilation – für mich ein Liebhaberprojekt – durchaus interessierte, allerdings weniger überschwänglich als andere Musiker, wie ich damals in mein Tagebuch notierte; er war schon seit Jahren Musiker, er war schon in England aufgetreten und wusste wohl, dass ein Song auf einer Compilation auf einem kleinen Label noch keinen Weltstar machte. Dennoch: Er machte gerne mit.

Mr. Ebbo hatte einige Songs aufgenommen, die für Außenstehende, die den sozialen und kulturellen Kontext der Texte und des Sounds nicht kennen, so schwer nachvollziehbar sind, dass sie nicht für die Compilation infrage kamen. Allerdings wollten wir damit Bongo Flava – wie gesagt – halbwegs abbilden, also die wichtigsten Künstler dafür gewinnen. Und dazu gehörte unbedingt Mr. Ebbo. Ich lizensierte daher schließlich eine Remix-Version seines größten Hits “Mi Mmasai” (siehe oben rechts, Song 4, im Player hinter diesem Link). Die klang für europäische Ohren weniger “cheesy” – so lautete ein Kommentar der Spex zur Musik damals – als das Original, das beinahe nur vom von Synthesizern unterlegten Text lebte. Und der Text war auf Kiswahili: “Mi Masai bwana, nasema mi masai.” – “Ich bin Massai, Alter, ich sage, ich bin Massai.”

Ich sage das nicht, um Mr. Ebbos Musik abzuwerten, im Gegenteil. Andere Songs, die schließlich auf der Platte landeten, landeten dort aus ähnlichen Gründen: Der in Tansania irrsinnig berühmte Song “Mtoto wa Geti Kali” von der Gruppe Gangwe Mobb, der in jeder Eckkneipe in Dar es Salaam rauf- und runterzitiert wurde, fand ebenfalls nicht den Weg auf die Compilation, weil ihn deutsche Freunde ebenfalls als “cheesy” charakterisiert hatten. Wir nahmen stattdessen den Gangwe-Mobb-Song “Asali wa Moyo” in die Auswahl. Der war musikalisch leichter zugänglich. Wir wollten vermitteln, nicht abschrecken; Interesse für eine musikalische Welt schaffen, die in Europa, jenseits der afrikanischen Diaspora jedenfalls, gänzlich unbekannt war. Ich verstand die Compilation damals als kulturrelativistische Unternehmung, nach dem Motto: Es ist nicht alles Schrott, was man nicht kennt und was man nicht sofort nachvollziehen kann.

Mr. Ebbo hat das sofort verstanden; das sei, sagte er, ganz in seinem Sinn. Nichts anderes tue er, wenn er versuche, die Massai aus ihrer – ins Deutsche übertragen – Ostfriesen-Witz-Ecke zu holen.

Im Alter von nur 37 Jahren ist er am 2. Dezember in einem Krankenhaus in Arusha gestorben, laut tansanischen Zeitungen an Leukämie. Er hinterlässt Frau und Kinder.

Quellen: theciziten, mwananchi

B wie Bongo

September 13th, 2011
Dieser Eintrag entsteht im Rahmen des A-Z Swahili Rap anlässlich des 20. Geburtstags der Musik.

Bongo Flava wurde der Begriff für das Geburtstagskind, den Swahili Rap – allerdings nur für die tanzanische Variante. In Kenya und Uganda, wo man auch teilweise Kiswahili spricht, steht Bongo Flava nur für den Swahili Rap der tanzanischen Musiker.

Zeitungsausriss: "Bongodaslam", also Bongo Dar es Salaam, als Comicrubrik

Zeitungsausriss: "Bongodaslam", also Bongo Dar es Salaam, als Comicrubrik

Warum: weil im Namen bereits die nationale Anbindung gegeben ist. Bongo kommt vom Kiswahiliwort für Gehirn, ubongo, und ist ein offizieller Spitzname für Dar es Salaam, Tanzanias Kultur- und Wirtschaftsmetropole. Die geläufigste Erklärung unter verschiedenen ist die, man brauche Gehirn, um hier zu überleben.

Bus in Nairobi, Kenya: Dort war, als Swahili Rap in Tanzania längst Bongo Flava hieß, einfach von HipHop die Rede

Bus in Nairobi, Kenya: Dort war, als Swahili Rap in Tanzania längst Bongo Flava hieß, einfach von HipHop die Rede

Das Wort Bongo wird heute auch für ganz Tanzania gebraucht. Schon im Namen der Musik steckte, was vielen Rappern wichtig war (Vergangenheitsform, da ich länger keinen mehr von ihnen gesprochen habe – das dürfte aber schon noch gelten, wenn man die neueren Songs so hört): Sie wollten darzulegen, wie hart, aber auch wie schön sich das Leben in Tanzania anfühlen kann. Und so ging es in den Texten gleichermaßen um soziale und politische Probleme wie Armut, Korruption, HIV und Ausbildungsschwierigkeiten wie um Partys, Liebe und trotz allem positiv besetzte Begriffe von Tanzania und Bongo Dar es Salaam. Bongo ist quasi Teil dessen, was im HipHop als realness bekannt wurde.

“Weißt du”, erklärte mir Lasajo Israel, 2003/04 Kopf der Gruppe Daz Nundaz (Video “Nipe tano” – Gib mir fünf): “HipHop bedeutet Leben. Darum mögen wir diesen Shit. Weil wir über das Leben sprechen können und über die Probleme, die uns als Gesellschaft umgeben. Im Track ‘Kioo’ (Kiswahili für ‘Spiegel’) drücken wir das aus – dass wir ein Spiegel der Gesellschaft sind. Schau uns an, Mann, wir sind wie ein Spiegel, hör uns zu.”

Alles ein bisschen Laber rhabarber, aber jedenfalls: Daher kommt der Name Bongo Flava. Flava ist nichts anderes als Flavour. Und manche schreiben auch Fleva. Auch gut.