“Hunger ist kein unabwendbares Schicksal, sondern kann durch kluge Politik überwunden werden”, sagte Ernährungsministerin Ilse Aigner (CSU) im Rahmen der Welternährungsgipfels in Rom.
Man kann es auch anders herum aufziehen und sagen: Hunger resultiert aus politischen Fehlentscheidungen.
Am Ende des Welternährungsgipfels in Rom bleibt also die Frage nach den politischen Entscheidungen, die dort getroffen wurden – bzw. den Entscheidungen, die nicht getroffen wurden.
Unter anderem wurde eine “Globale Partnerschaft für Landwirtschaft und Ernährungssicherung” beschlossen. Als diese Partnerschaft um den Jahreswechsel herum angeregt und vom UN-Generalsekretär begrüßt wurde, kritisierte etwa die Organisation Intermon, die neue “Globale Partnerschaft” könne zu einem Gremium außerhalb der UN werden, in dem Agrarkonzerne Einfluss auf die Entwicklungspolitik bekommen könnten.
Brot für die Welt und EED teilten damals mit, sie befürchteten,
“dass die neu angedachte Institution zu stark auf technische Empfehlungen zur Lösung der Krise setzen wird: ‘Es ist zu befürchten, dass durch die Partnerschaft zu stark technische Programme zur Produktionssteigerung ins Zentrum der Hungerbekämpfung rücken, wie die reine Verteilung von Düngemitteln und Hybridsaatgut. Wir aber denken, dass die Umsetzung des Rechts auf Nahrung und die Forderung nach Gerechtigkeit für die Kleinbauern und Landarbeiter im Vordergrund stehen sollte’.”
Die Frankfurter Rundschau schrieb nun zum Beginn des Gipfels in Rom:
“Der Entwurf der Gipfelerklärung von Rom folgt noch immer dem Credo, durch massiven Einsatz von Hybridsaatgut, Düngemitteln und Biotechnologie die Erträge zu steigern – was vor allem dem Agrobusiness dient. Als ob ein Mangel an Nahrungsmitteln und nicht deren ungerechte Verteilung das Problem wäre.”
Ähnlich argumentiert laut taz Rudolf Bunzel vom Evangelischen Entwicklungsdienst:
“Immer noch werde auf die Formel ‘Markt und Technologie’ gesetzt, so Bunzel. ‘Damit ist jedoch die Ernährungskrise erst ausgelöst worden.’ Die Technisierung – also der Anbau von Hochleistungssaatgut mithilfe von Maschinen – begünstige den Anbau auf großen Flächen mit wenigen Mitarbeitern. Die Ernährungskrise sei jedoch im Kern eine Verteilungskrise, kritisierte Bunzel.”
Und Le Monde Diplomatique schrieb kurz vor dem Gipfel in Rom:
“In den nationalen, regionalen und internationalen Institutionen, die für Agrar-, Wirtschafts- und sonstige Politik zuständig sind, werden die Entscheidungen meist ohne Rücksicht auf die Bauern getroffen. Davon zeugen die von der Welthandelsorganisation (WTO) empfohlenen Maßnahmen, die Strukturanpassungspolitik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF), viele Freihandelsabkommen und die Exportpolitik von Ländern oder Regionen wie den USA, der EU oder Brasilien. Diese Maßnahmen umfassen die Öffnung der Grenzen für den Warenverkehr, den Verzicht auf die Anpassung des Angebots an die Nachfrage, die Zerschlagung der bestehenden Methoden, aus Überschüssen Vorräte anzulegen und die Verteilung zu organisieren.”
Ministerin Ilse Aigner versprach nun in Rom:
“Deutschland wird ein verlässlicher Akteur in der Globalen Partnerschaft sein. Für deutsche Fördermittel heißt dies: Der Landwirtschaft und der ländlichen Entwicklung mehr Gewicht verleihen. Und dies muss erfolgen auf der Grundlage Standort angepasster Konzepte. (…) Deutschland ist bereit und willens, länderbezogene Programme nach Kräften zu unterstützen.”
Standortangepasste Konzepte, länderbezogene Programme – klingt beinahe wie eine Reaktion auf die Kritik. Die Frankfurter Rundschau warf ihr jedoch vor, sie werde “die an sich längst erkannten Fehler eher noch kultivieren, statt zu ihrer Abschaffung beizutragen”.
Gemeint sind folgende Fehler:
“Eine Milliarde Menschen hungert. Und was tut die Weltengemeinschaft? Sie liberalisiert den Handel, öffnet die Märkte, untersagt Zollschranken. Wohl wissend, dass offene Handelsströme und subventionierte Nahrungsmittelimporte, forciert von einem global agierenden Agrobusiness, armen Ländern die Chancen entziehen, ihre eigene Landwirtschaft zu mobilisieren und ihre Ernährung selbstbestimmt zu sichern.”
Aigner heißt schließlich nicht nur Ernährungs-, sondern vor allem auch Landwirtschaftsministerin. Und so wurde sie im Deutschlandfunk gefragt: “Und Sie haben die Interessen der deutschen Agrarkonzerne in Rom nicht im Auge?”
Die Antwort: “Ich habe das Interesse, dass die Welternährung verbessert wird und dass die Menschen sich vor allem auch selbst ernähren können. Produktionssteigerung kann ein Punkt sein, aber ist mit Sicherheit nicht der einzige.”
Wäre nur blöd, wenn Produktionssteigerung – ein Begriff aus dem Themenfeld “globale Industrialisierung der Landwirtschaft” – zwar nicht der einzige, aber doch der entscheidende Punkt wäre.
Dringend erwähnendwert sind in diesem Zusammenhang einige Abschnitte der Rede, die Aigner zur Eröffnung der Agritechnica-Messe am 9. November in Hannover hielt:
“Bei den WTO-Verhandlungen zum Abschluss der Doha-Runde setze ich darauf, die Marktzugangsmöglichkeiten für unsere Agrarexporte zu erweitern und die bestehenden Wettbewerbsverzerrungen im internationalen Maßstab abzubauen.”
Und an anderer Stelle:
“Gemeinsam werden wir deshalb weiter dafür an unserem Ziel arbeiten müssen: eine moderne, nachhaltige und leistungsstarke Landwirtschaft, die mit den Anforderungen globaler Agrarmärkte zurechtkommt.”