Man kann die Geschichte des Swahili Rap als Geschichte einer Aneignung lesen. Das ist relativ simpel, bedeutete aber gravierende Neuerungen für in diesem Fall die tanzanische Gesellschaft: Vor kultureller Überfremdung wurde in diesem Zug gewarnt, vor dem schlechten Einfluss des Englischen aufs Kiswahili, vor einer Amerikanisierung.
Das hielt sich recht lange, selbst als Bongo Flava (siehe B wie Bongo) bereits quasi ausschließlich auf Kiswahili gesungen und gerappt wurde, als lokale Inhalte in den Texten verhandelt wurden und die Musik vornehmlich in Dar es Salaam produziert wurde, gab es noch die Verteidigungslinie: Das ist zu fremd, das ist nicht unser tanzanisches Kulturerbe etc.
Das hat mit dem Aneignungsprozess zu tun: Man kann ihn, wie den Prozess der HipHop-Aneignung in vielen Ländern, Deutschland inklusive, als Prozess in drei Phasen lesen.
1.) Arrival and borrowing: die Jahre der Avantgarde, die Zugang zu Musik und Codes aus dem vornehmlich US-amerikanischen Raum hatten – namentlich die C wie Cultural brokers.
In diesen Jahren, ab den mittleren Achtzigern, kam US-amerikanischer HipHop nach Tanzania, wurde auch nach und nach auf Partys und in Diskotheken in Hotels wie dem New Africa Hotel oder dem Kilimanjaro Hotel in Dar es Salaam gespielt, vor allem aber zunächst an Stränden. 1987 wurde die Clouds Discotheque eröffnet.
2.) Die “Adoption”: Das Rappen auf Kiswahili wurde ein entscheidender Schritt im Aneignungsprozess. Saleh J. begann damit, genau vor 20 Jahren.
3.) Die “Adaptation”, in deren Rahmen die Umbenennung von Swahili Rap in Bongo Flava erfolgte, was ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Integration in die tanzanische Gesellschaft jenseits einer Nische war.
Die positive Identifikation mit Inhalten und Formen des US-Rap durch die Rapper der frühen und mittleren 1990er Jahre wurde hier von einer neuen Generation von HipHoppern überschrieben: mit eigenen Vorstellungen, durch die Abkehr von einem weltweit gepflegten HipHop-Diskurs, durch technische und sozioökonomische Rahmenvoraussetzungen. Wann tanzanischer Rap in Bongo Flava umbenannt wurde, ist eine müßige Diskussion. Es könnte 1996 gewesen sein.
Der Rapper Mwanafalsafa sagt, der Name gehe zurück auf den Radio-DJ Stevie B, der

Mwanafalsafa (deutsch: Der Philosoph), 2003
damals bei East Africa FM beschäftigt war. Die Rapper von Daz Nundaz sind dagegen überzeugt, ein Musiker hätte den Namen erfunden. Taji Liundi schließt auch nicht aus, dass es ein Printjournalist war, der die Bezeichnung einführte.
Der Beginn der dritten Phase lässt sich auf etwa das Jahr 2000 datieren: Thomas Gesthuizen ging 2004 von einem “turning point”, dem Beginn großen kommerziellen Erfolgs, mit der Veröffentlichung der Kassette “Funga kazi” der Gruppe Hard Blasterz aus:
“Not long after, local hip hop became the best selling music in the market and Tanzanian radios started to play more and more promo tracks. All together, there have been more than 150 tape releases since 1992 – and most of these were put out in the last 4 years” (also seit 2000; Anm. KR).
In Dar es Salaam, auf Webseiten (www.darhotwire.com) wie in Zeitungen, war von einer “Bongo Flava Explosion” (bisweilen auch “Bongo Explosion”) die Rede. Die Studios der Produzenten (Boni Luv bei Mawingu Studios, Master Jay bei MJ Records, P-Funk bei Bongo Records, Miika Mwamba Kari bei FM Productions) waren in der Folge meist ausgebucht. Neue Studios wurden eröffnet, 2004 gab es in Dar es Salaam etwa 15 wichtige; etwa Soundcrafters, Poa Records, Mambo Records, das Studio von Amit Bajaj etc.
Es hat sich mit den Jahren viel geändert im Bongo Flava: Die Musik wurde das Ergebnis einer kulturellen Bricolage mit zwei Hauptressourcen – panafrikanische Musikstile und medial vermittelter HipHop, vor allem also US-amerikanischer HipHop. Daneben spielten und spielen mitunter auch heute Reggaeeinflüsse eine Rolle, andere als authentisch tanzanisch imaginierte Musikstile wie ngoma wurden und z.T. werden diskursiv zur Repräsentation Tanzanias eingesetzt, nicht aber in die Kompositionen eingebunden. Dort findet sich Taarab, ausnahmsweise auch Bendi (Muziki wa Dansi), beides ebenfalls angeeignete Stile, allerdings nicht aus den USA, sondern aus dem arabischen beziehungsweise kongolesischen Raum.
Der Unterschied zur beginnenden Aneignung liegt in der Ausweitung des als tanzanisch empfundenen Spektrums. War es vorher lediglich die benutzte Sprache, die darauf schließen ließen, dass es sich um ostafrikanische Musik handelt, sind es nun auch das Themenspektrum, stärker als vorher die Art des Redens über HipHop, die musikalische Untermalung, es ist der Diskurs über HipHop. Dass Bongo Flava tanzanisch ist, ist eine neue Selbstverständlichkeit. Die unter Jugendlichen populären Stile vermochten sozusagen “den Charakter des Fremden abzustreifen” (Gabriele Klein).
Es ist die Abkehr von nicht benötigten, nicht geliebten oder nicht machtbaren Ausdrucksformen, die ebenso selbstverständlich akzeptiert wird: Graffiti, Breakdance, beides HipHop-Formen, von denen noch die vorherige Rappergeneration behauptete, sie auszuführen, wie mir der Afrikanist Thomas Gesthuizen, der die historischen Grundlagen des Bongo Flava recherchierte, bei einem Treffen 2003 in Dar es Salaam erzählte, wurden im Zuge der Aneigung schlicht unwichtig.