Mr. Ebbo wandte sich nicht an mich mit seinen Songs, und er traf mich auch prompt nicht damit. Aber ich habe sie gehört, weil Bongo Flava – tansanische Rapmusik – in Tansania überall lief, als ich dort für eine Zeitlang lebte. In den Bussen, in den Eckkneipen, in den Hinterhöfen – weil die meistgehörten Radiosender die Musik spielten. Egal, wo man sich in Dar es Salaam bewegte in den Jahren 2003 und 2004: Bongo Flava war auch da.
Mr. Ebbo war einer der wichtigsten Protagonisten der Musik. Er war kein Prototyp des Bongo-Flava-Stars; auf ihn traf vieles nicht zu, was man über die meisten anderen bekannten Rapper sagen konnte. Er lebte zum Beispiel nicht in Dar es Salaam, wo man eigentlich zu leben hatte, wenn man Musiker war. Dar es Salaam war das Zentrum der Musik, Ort der Zugezogenen, die mit einem Stadtleben die Hoffnung auf Aufbruch verbanden. Bongo Flava war Musik der Aufbruchsstimmung. Musik einer “kizazi kipya”, wie es hieß, einer “neuen Generation”. Und die zog nach Dar. Weil es dort die meisten Studios gab, die wichtigsten Radios und die meisten jungen Leute, die Kassetten kauften. Mr. Ebbo – eigentlich Abel Loshilaa Motika – kam aus Arusha und lebte in Tanga.
In Tanga zu leben, war natürlich noch kein Alleinstellungsmerkmal. Auch die national bekannten Rapper Wagosi wa Kaya lebten dort. Was Mr. Ebbo unter den Bongo-Flava-Künstlern auszeichnete, war vielmehr vor allem, dass er mit seiner Musik, mit seiner Performance, quasi ethnische Themen bearbeitete. Das tat sonst kaum jemand, der nicht nur lokal bekannt war.
Es war in jener Zeit eher üblich, und ich verstand es irgendwann als progressiv, dass die Rapper in ihren Songs und in ihrem Reden Bezug auf die Gemeinschaft ihrer Nation nahmen: auf Tansania, auf ein ethnisch diversifiziertes Land der vielen auch sozialen Unterschiede, an dessen Solidarzusammenhang sie so mitarbeiteten.
Mr. Ebbo dagegen repräsentierte in erster Linie die Massai, die Teil dieses Landes sind. Zugleich aber brach er humorvoll mit der Statik, die den Massai zugeschrieben wurde, er zeichnete ein dynamisches Bild der Leute, die (auch in Tansania) als rückständige Kuhhirten besetzt sind. Es gab weitere Massai-Rapper in den Nullerjahren, etwa die X-Plastaz aus Arusha. Die allerdings schafften es zwar, jenseits von Ostafrika hier und da wahrgenommen zu werden, sie veröffentlichten etwa mit etwas organisatorischer Unterstützung des niederländischen africanhiphop.com-Gründers Thomas Gesthuizen, der sie managte, ein Album in Europa. In Ostafrika selbst aber waren sie vor allem lokal relevant.
Mr. Ebbo dagegen war auf dem Höhepunkt seines musikalischen Schaffens, für einige Jahre Mitte der Nullerjahre, wohl der berühmteste Massai Ostafrikas.
Um sich, wenn auch etwas vage, vorstellen zu können, wer Mr. Ebbo für die tansanische Gesellschaft war, ist es vielleicht hilfreich, sich jemanden wie den deutschen Comedian Kaya Yanar vorzustellen: So wie der integrierend wirkt, wenn er “Was guckstu” sagte, weil er vermeintlichen Außenseitern der deutschen Gesellschaft das Gefühl gab, hoch- und damit auch ernstgenommen zu werden, so war Mr. Ebbo eine Stimme der Massai, die in Tansania quasi die Ostfriesen sind: Objekte des sachten Spotts.
Mr. Ebbo war ein Sohn von Massai-Eltern, auf der Bühne, aber nur da, trug er traditionelle rote und schwarze Massai-Kleidung, einen Speer und Rindsledersandalen. Mit “Mi Masai” – “Ich bin Masai” – hatte er einen Song geschrieben, den einige der Massai in Dar es Salaam, die dort etwa als Torwächter arbeiteten, fröhlich vor sich hinsangen, wenn ich sie auf meiner Suche nach den vorhandenen Bongo-Flava-Zusammenhängen bat, mir zu erklären, ob sie sich von Mr. Ebbo eher verschaukelt fühlten oder ernstgenommen. Die Sprachregelung lautete hier: “Mr. Ebbo repräsentiert uns wie kein anderer.”
Gleichwohl spielte er die Rolle des traditionsverbundenen Massai nur, und das war bekannt. Er hatte nie im Dorf gelebt; das Massai-Dorf seines Onkels, eines jener Dörfer also, die man als Tourist auf der Fahrt in die Nationalparks vorgeführt bekommt, sah er zum ersten Mal, als die BBC 2002 eine Reportage über ihn drehte. Er war ein Stadtkind, und sein Zugang zu den Massai war ein eher politischer: Er wollte jenen eine Stimme geben, die sonst keine hatten – die Massai geraten in Tansania immer wieder einmal zwischen die politischen Fronten, etwa wenn es um ihr Land geht, das man ja auch irgendwie anders, wirtschaftlicher, nutzen könnte. Er persiflierte die Vorurteile über sie und ihre vermeintlich unsaubere Sprache, indem er in der an ähnlich klingenden Silben reichen Sprache Kiswahili Silben verdrehte. Er sagte etwa “nashuruku” statt “nashukuru”: etwa “Dielen Vank” statt “Vielen Dank”; aus Dar es Salaams Stadtteil Mikocheni wurde in seinem Song “Michokeni”. Er war insofern Integrator und Parodist. So sah er sich auch selbst. Sagte er jedenfalls.
Ich traf Abel Loshilaa Motika das erste Mal am 23. Januar 2004, als ich für das Münchner Label out here records, zusammen mit Jay Rutledge und Georg Milz, eine Bongo-Flava-Compilation zusammenstellte und versuchte, mit der Songauswahl die Musik so gut wie möglich abzubilden. Mr. Ebbo trat am Abend im Gymkhana Club, einem Golfclub im Herzen Dar es Salaams, vor einer geschlossenen Gesellschaft auf, die ihn gebucht hatte. Und weil er schon mal in der Stadt war, klapperte er vorher ein paar Radiostationen ab: Wir fuhren zu Radio Tumaini hinter der Azania-Kirche, zu Magic FM und Radio Uhuru. Für alle DJs, die er traf, hatte er ein bisschen Geld dabei – kein ganz ungewöhnlicher Vorgang –, und noch während wir die Runde im Taxi machten, lief sein neuer Song “Bongo Fleva” erstmals im Radio. So lief’s Business.
Er war ein herzlicher Kerl, der sich für unsere Bongo-Flava-Compilation – für mich ein Liebhaberprojekt – durchaus interessierte, allerdings weniger überschwänglich als andere Musiker, wie ich damals in mein Tagebuch notierte; er war schon seit Jahren Musiker, er war schon in England aufgetreten und wusste wohl, dass ein Song auf einer Compilation auf einem kleinen Label noch keinen Weltstar machte. Dennoch: Er machte gerne mit.
Mr. Ebbo hatte einige Songs aufgenommen, die für Außenstehende, die den sozialen und kulturellen Kontext der Texte und des Sounds nicht kennen, so schwer nachvollziehbar sind, dass sie nicht für die Compilation infrage kamen. Allerdings wollten wir damit Bongo Flava – wie gesagt – halbwegs abbilden, also die wichtigsten Künstler dafür gewinnen. Und dazu gehörte unbedingt Mr. Ebbo. Ich lizensierte daher schließlich eine Remix-Version seines größten Hits “Mi Mmasai” (siehe oben rechts, Song 4, im Player hinter diesem Link). Die klang für europäische Ohren weniger “cheesy” – so lautete ein Kommentar der Spex zur Musik damals – als das Original, das beinahe nur vom von Synthesizern unterlegten Text lebte. Und der Text war auf Kiswahili: “Mi Masai bwana, nasema mi masai.” – “Ich bin Massai, Alter, ich sage, ich bin Massai.”
Ich sage das nicht, um Mr. Ebbos Musik abzuwerten, im Gegenteil. Andere Songs, die schließlich auf der Platte landeten, landeten dort aus ähnlichen Gründen: Der in Tansania irrsinnig berühmte Song “Mtoto wa Geti Kali” von der Gruppe Gangwe Mobb, der in jeder Eckkneipe in Dar es Salaam rauf- und runterzitiert wurde, fand ebenfalls nicht den Weg auf die Compilation, weil ihn deutsche Freunde ebenfalls als “cheesy” charakterisiert hatten. Wir nahmen stattdessen den Gangwe-Mobb-Song “Asali wa Moyo” in die Auswahl. Der war musikalisch leichter zugänglich. Wir wollten vermitteln, nicht abschrecken; Interesse für eine musikalische Welt schaffen, die in Europa, jenseits der afrikanischen Diaspora jedenfalls, gänzlich unbekannt war. Ich verstand die Compilation damals als kulturrelativistische Unternehmung, nach dem Motto: Es ist nicht alles Schrott, was man nicht kennt und was man nicht sofort nachvollziehen kann.
Mr. Ebbo hat das sofort verstanden; das sei, sagte er, ganz in seinem Sinn. Nichts anderes tue er, wenn er versuche, die Massai aus ihrer – ins Deutsche übertragen – Ostfriesen-Witz-Ecke zu holen.
Im Alter von nur 37 Jahren ist er am 2. Dezember in einem Krankenhaus in Arusha gestorben, laut tansanischen Zeitungen an Leukämie. Er hinterlässt Frau und Kinder.
Quellen: theciziten, mwananchi
