Archive for the ‘Allerlei’ Category

Herr Leach erklärt das Pferdefleischtabu

Februar 14th, 2013

Es gibt diverse Ansätze, Nahrungstabus zu erklären, die gerade in Sachen Pferdefleischskandal – wie sagt man? – in aller Munde sind. Natürlich spielt bei dieser Pferdefleischsache eine Rolle, dass man als Endverbraucher gerne wissen möchte, was man isst. Wenn in einer Rinderlasagne statt Rind nicht Pferd, sondern Schwein wäre, würde man sich womöglich schon auch ganz leise wundern. Aber Pferdefleisch ist darüber hinaus mit einem – wenn auch schwachen – Tabu belegt.

Vielleicht nicht die freshste kulturwissenschaftliche Schule, aber trotzdem gut zitierfähig ist die Arbeit des Ethnologen Edmund Leach. Er hat in den Siebzigerjahren zu Nahrungstabus und Sexualvorschriften in Großbritannien, Heimat der Pferdelasagne, gearbeitet und zwei nahezu homologe Reihen zu Nahrungs- und Sexualtabus herausgearbeitet (zitiert nach Michael Oppitz, 1975/1993, “Notwendige Beziehungen. Abriss der strukturalen Anthropologie”, Frankfurt/Main, S. 168f.):

1 a. Schoßtiere, die dem Menschen besonders nahe sind, gelten als ungenießbar.

1 b. Blutsverwandte sind sexuell besonders stark tabuisiert.

2 a. Die Haustiere, die zum Haushalt (des Bauern) zählen, aber nicht die Wohnung des Menschen teilen, sind zum Teil essbar, und zwar zunehmend in dem Maße, wie sie psychologisch gesehen vom Menschen abrücken. Das Pferd gehört in diese Kategorie; anders aber als Schweine, Schafe, Rinder und Hühner steht es dem Menschen psychologisch nahe, genau wie Esel und Ziegen.

2 b. Menschen, die weitläufiger verwandt sind, sind ebenfalls mit einem sexuellen Tabu belegt, das aber deutlich schwächer ist.

3 a. Tiere der freien Wildbahn, die unter dem Schutz des Menschen stehen, aber nicht gezähmt werden, sind essbar.

3 b. Nachbarn sind die eigentliche Kategorie der potenziellen Heiratspartner.

4 a. Wilde Tiere, die außerhalb jeder menschlichen Kontrolle stehen, gelten als ungenießbar.

4 b. Fremde gelten als nicht heiratsfähig, jedenfalls nicht solange sie nicht in die Nachbarschaft integriert sind (dann wären sie aber Kategorie 3b).

Auf der Achse von Nah bis Fern sind also die Extrempunkte mit Tabus belegt. Oppitz: “Was an essbaren Substanzen als genießbar verstanden wird und was nicht und wer an lebenden Personen als sexuell zuträglich aufgefasst wird und wer nicht, entscheidet sich nach dem gleichen Muster – einem Muster, das durch Kategorien des Denkens, die sich sprachlich veräußern, zustande gekommen ist.”

Das Wort “horse” sei zu nah am menschlichen “arse”, um es zu essen. Tatsächlich wechseln essbare Haustiere im Englischen ihre Namen, wenn sie Fleisch werden: Bullock wird zu beef, pig zu pork, sheep zu mutton. Für zu Fleisch gewordenes Pferd gibt es keine Entsprechung.

Wer nicht mampft, bleibt dumm

Februar 13th, 2013

Die Sesamstraße wird 40 – nur das Krümelmonster widersetzt sich bis heute ihrer Pädagogik (zuerst erschienen im “Freitag”, Januar 2013)

Man hat, wenn man die Welt der Kinder wahrnehmen will, immer noch die Welt im Kopf, die man selbst als Kind erlebt hat. Man kann das, wenn man nicht viel älter als 45 ist, an der Sesamstraße überprüfen.

Vor 40 Jahren, am 8. Januar 1973, wurde sie in der Bundesrepublik – in der DDR gab es sie nicht – erstmals ausgestrahlt. Auf den ersten Blick hat sich seitdem nichts geändert: Das Wer-wie-was-Lied gibt es noch, Ernie und Bert, das Krümelmonster. Die Sesamstraße steht in einer Reihe mit den Rolling Stones und eingemachtem Obst. Alles geschaffen, um zu überdauern.

Wenn man sich die Sendung aber anschaut, sieht man, dass die Kinder von heute doch in vielerlei Hinsicht eine andere Veranstaltung geboten bekommen. In einer animierten Spin-Off-Serie namens Ernie und Bert im Land der Träume haben selbst diese beiden neue Charakterzüge bekommen. Sie träumen sich darin auf Schatzsuche oder ins Weltall, statt das Einschlafen zu verweigern und sich Bananen in die Ohren zu stecken, um Alligatoren abzuhalten. Sie scheinen wilder geworden zu sein, sind aber braver geworden – sie träumen ihre Wildheit nur, während sie elternfreundlicher schlummern als je zuvor.

Immergleich ist über all die Jahre nur das Krümelmonster geblieben. Es verkörpert nicht nur durch seine Haltbarkeit das Jubiläum der Sesamstraße am besten. Es zeigt auch, was Kindsein in einer Welt der Erwachsenen bedeutet und erfordert, nämlich eine Integrationsleistung. Die ist das eigentliche Thema der Sendung. Und das Krümelmonster verweigert sie als einzige Figur.

Um vorne zu beginnen: Die Sesamstraße war vom ersten Entwurf an eine pädagogische Sendung; eine, die zugleich anarchisch ist und von der Zähmung der Kinder handelt. In den USA, von wo aus die Sendung in 150 Länder exportiert wurde, sollten Kinder, vornehmlich die aus Haushalten, die man heute bildungsfern nennt, mit der Sesamstraße zunächst einfach Dinge lernen können, die sie sonst vielleicht verpassen würden. Zahlen und Buchstaben zum Beispiel, eine der bekanntesten Textzeilen aus der Sesamstraße lautet: „Dieser Buchstabe hier ist ein A.“ Aber es geht auch um Verhaltensweisen. In Südafrika gibt es daher eine HIV-positive Figur; in einer gemeinsamen Sesamstraße für Israel, Palästina und Jordanien leben die Puppen ein friedliches Miteinander vor; und in den USA plaudert die Puppe Elmo mit der Schauspielerin Whoopi Goldberg über ihre Hautfarbe. Das hat den Nebeneffekt, dass man sich in aller Welt die Serie anschauen und dabei lernen kann, wo es in der Erwachsenenwelt knirscht.

Nur das Krümelmonster, wie gesagt, ist unerwachsen geblieben. Die dunkelblaue Puppe trägt ihre Augen, anders als alle anderen, nicht im Gesicht, sondern oben auf dem Kopf. Die Pupillen sind nicht fixiert, so dass es, wenn es sich bewegt, stets in mehrere Richtungen gleichzeitig blickt. Die Erwachsenenwahrnehmung: Das Krümelmonster könnte ADHS haben. Die Kindeswahrnehmung: Es ist sehr zielstrebig, es kann überall zugleich nach Keksen suchen. Krümel will Kekse. Und nimmt sie sich. Das Monster erinnert Erwachsene daran, dass sie gerne nochmal in einem Alter wären, in dem Krümeln nicht stören. Und Kinder daran, dass sie auch einen Keks brauchen.

Krümelmonsters Beitrag zur Ordnung der Welt, an der die Sesamstraße ansonsten arbeitet, ist also ihre Entordnung. Nicht aus Bosheit, sondern weil es Spaß macht.

Alle Figuren, die schon ein paar Grundregeln des erwachsenen Miteinanders beherrschen, wurden dagegen im Lauf der Jahre und der Kindergenerationen verändert. Auf die menschlichen US-Originaldarsteller folgten bald Lilo Pulver und Manfred Krug; später, wurde die Puppe Grobi zum Computerexperten, und als der Harry-Potter-Boom einsetzte, spielte Dirk Bach den Zauberer Pepe. Mittlerweile gibt es in der deutschen Ausgabe nicht einmal mehr den 1978 eingeführten Faulbär namens Samson und auch nicht den rosafarbenen Duschschwamm namens Tiffy oder den zickigen Herrn von Bödefeld.

Auch der Programmplatz ist ein anderer. Statt am Vorabend im Dritten läuft die Sesamstraße heute am frühen Morgen im Kika und fristet ihr Dasein in einer Kindernische. Sie ist in der Erwachsenenfernsehwelt das Kind, das leise sein muss, um die Großen nicht zu stören, wenn sie sich um gewichtigere Dinge kümmern. Die Sesamstraße spielt heute nicht einmal mehr draußen auf der Straße; sie spielt zu Hause bei der Figur Elmo. Lena Meyer-Landrut singt den Titelsong, zu dem man nun keine Kinder mehr sieht, wie sie gefährliche Turnmanöver auf Spielplätzen unternehmen, sondern Elmo, wie er in ein Instrument trötet. Es liegt nahe, die Entwicklung der Sendung im größeren Rahmen zu deuten: Sie spiegelt einen Trend zur Häuslichkeit und zur Überhütung der Kinder, die lieber nicht mehr jenseits des Zauns spielen sollten, es könnte ja eine Jumbojet-Düse vom Himmel fallen oder wenigstens ein morscher Zweig.

Ein wenig musste sich dabei übrigens auch das Krümelmonster domestizieren lassen. Als die US-Politik das dicke Kind als Thema entdeckte, pflanzte Michelle Obama in der Sesamstraße mit Elmo Gemüse, und das Krümelmonster bekam eine Diät aufgedonnert. Es musste lernen, dass ein Keks keine Hauptmahlzeit ist. Es dozierte: „Kekse isst man nur ab und zu.“ In der deutschen Version allerdings krümelt das Monster immer noch und blieb, wie es war. Weitgehend. Dass es auch hier nun weiß, wie Gemüse aussieht – ja Gottchen. Man muss optimistisch sein: Es wird den Kindern schon nicht schaden.

FTOJ 2012: Über guten Onlinejournalismus

Mai 11th, 2012

Beim “Frankfurter Tag des Onlinejournalismus” 2012 am 14. Mai spreche ich über Beispiele für guten Onlinejournalismus. Folien ohne Kontext hier oder bei Slideshare oder sonstwo reinzuklatschen finde ich nicht sinnvoll. Den Stream trage ich aber hier –> UPDATE: IST NACHGETRAGEN <– demnächst nach. Anbei die Quellen und, sofern vorhanden, die Links zu den gezeigten (und einigen nicht verwendeten) Beispielen:

Beispiel für die gelungene onlinespezifische Aufbereitung von Themen, die auch für die Zeitung oder ein Buch aufbereitet wurden:

a) Der Beitrag über Twitter-Accounts von Politikern im Vergleich von Jan Heidtmann: “Hi, bin drin, echt!” erschien gedruckt in: Süddeutsche Zeitung, 21.04.2012. Und hier die gelungene Onlineversion für Leute mit anderen Rezeptionsgewohnheiten

b) Die Fotos, die japanische Küstenorte direkt nach dem Tsunami vom 11.03.2011 und im Februar 2012 zum Vergleich zeigen: auf dem Printtitel der “National Post” vom 12.03.2011 und 09.02.2012, abrufbar hier

Und die Online-Aufbereitung von Zeit Online mit dem sehr eleganten Schiebebalken: „Wie der Tsunami Japans Küstenorte fortriss“

c) Die Geschichte von Anonymous, erzählt von Konrad Lischka, Ole Reißmann, Christian Stöcker im Buch “We are Anonymous”. Und bei Spiegel Online unter dem Titel “Geboren zwischen Katzen und Sex”, in einem anmutig dem inhaltlich hierfür relevanten Forum 4chan nachempfundenen Layout

Beispiele für die “Erweiterung der Erfahrungswelt” durch die mehr- oder multimediale Onlineaufbereitung eines Themas:

a) Computerspiel-Artikel: Die Titelgeschichte New York Times Magazine vom 04.04.2012 über vollkommen idiotische Computerspiele (die wir natürlich trotzdem lieben) von Sam Anderson wurde online unter dem Titel “Just One More Game…” aufbereitet als vollkommen idiotisches Computerspiel (das wir natürlich trotzdem lieben)

b) Beispiele für Audio-Slideshows:

Matthias Eberl: „Außen Puff, innen Hölle“, ausgezeichnet mit dem Reporterpreis 2009

Matthias Eberl: „Neben dem Fest“

Beispiele für den User in Aktion:

a) Matthias Eberl: “Wenn er weg ist, wird er fehlen” als Beispiel für einen Slideshow-Versuch mit interaktivem Tontext, bei dem der Nutzer selbst u.a. die Geschwindigkeit aktiv bestimmt

b) Die multilineare Langstraße-Dokumentation: Christoph Müller, Frank Senn: „360 Grad Zürich Langstrasse“, SRF

c) Interaktive Timeline zum arabischen Frühling des Guardian: “Arab spring: an interactive timeline of Middle East protests” – was wann wo geschah

d) Parteispendenkarte der taz von OpenDataCity – wer hat wann an welche Partei gespendet?

e) Sport-Infografik der New York Times: “How Mariano Rivera Compares to Baseball’s Best Closers”

f) Infografik über Gay Rights des Guardian: “Gay Rights in the US, state by state”

Beispiele für den Dialog mit dem User:

a) Beispiel für die Einbindung sozialer Netzwerke mit Storify: Aufbereitung der Kony-Kampagne von Andreas Jahn: “Die Banalität des Sentimentalen”, NZZ

b) Beispiel für Live-Blogging im Dialog: Twitter-Account “ReporterZDF”

Nicht verwendete weitere Beispiele:

a) der Zugmonitor der SZ

b) Über die Weltkarte deutscher Entwicklungszusammenarbeit, via Zeit Online

c) Über das US-Geheimdienstwesen, Washington Post

d) Sehr hübsch: das “Three little Pigs”-Werbevideo des Guardian über den hauseigenen Digitaljournalismus

e) Der Podcast als bessere andere Talkshow: “Alternativlos 20″, dazu das von begeisterten Hörern erstellte Transkript

Anregungen gefunden bei folgenden weiterführenden Texten und weitere Links:

a) Dirk von Gehlen: “Was ist guter Onlinejournalismus?”, dvg.de

b) Stefan Plöchinger: “1 + 1 +1 = so viel mehr als 3″, vocer.org

c) Wolfgang Michal: “Das Pantelouris-Experiment”, carta.info

d) Der “Zapp”-Beitrag “Verleger verschlafen Online-Entwicklung” vom Mai 2012 (bitte bei Interesse jetzt sofort klicken, sonst ist er wahrscheinlich hinter der Über-Gebühr-bezahlt-Schranke verschwunden)

e) Erzählen mit Social-Media-Anbindung, siehe etwa Storify oder MundusMedia

Urheberunrecht?

März 15th, 2012

Interessanter Fall, mit dem ich mich kürzlich im Rahmen der Beschäftigung mit Urheber- und Leistungsschutzrecht befasste. Ich habe ihn mal protokolliert:

“Ich habe vor einigen Jahren meine Magisterarbeit bei einem wissenschaftlichen Buchverlag veröffentlicht. Das war ein wenig eitel – ein Buch zu veröffentlichen, mit meinem eigenen Namen vorne drauf, das erschien mir damals einfach reizvoll. Aber es geschah nicht nur aus Eitelkeit: Ich hatte ein Thema bearbeitet, zu dem niemand sonst so umfangreich geforscht hatte. Ich wollte die Ergebnisse (die valide sind und die ich für relevant für ein Nischenpublikum halte, auch wenn ich nur im Rahmen einer Abschlussarbeit auf sie stieß) nicht einfach unveröffentlicht verschimmeln lassen.

Wie es für wissenschaftliche Arbeiten, aber auch – sofern sie gedruckt werden – für Magisterarbeiten durchaus üblich ist, habe ich für die Veröffentlichung einen Druckkostenzuschuss bezahlt. Ich selbst habe ihn entrichtet, ich hatte kein Stipendium, mit dem die Kosten abgedeckt worden wären. Nicht ich als Autor habe also ein Honorar vom Verlag bekommen, sondern der Verlag bekam für die Veröffentlichung Geld von mir. Für jedes verkaufte Exemplar bekomme ich eine kleine Beteiligung.

Das ist wirtschaftlich nicht schlau gewesen, und dennoch konnte und kann ich damit leben. Das Buch ist für einen nennenswerten Markt (und wäre damit wirtschaftlich für einen Verlag unter anderen Konditionen) uninteressant, und darum, meine Arbeit zu Geld zu machen, ging es mir damals überhaupt nicht. Wie es üblich war, habe ich in diesem Rahmen allerdings auch die Nutzungsrechte an dem Werk abgegeben, ich darf es laut Vertrag also nicht an anderer Stelle noch einmal veröffentlichen.

Heute würde ich einen solchen Vertrag nicht mehr unterschreiben, sondern laut lachen und die Arbeit einfach im Internet veröffentlichen. Mehrfach wurde ich mittlerweile von Studenten darum gebeten, ihnen die Arbeit per E-Mail zu schicken. Der Verlag verkauft sie nämlich zu allem Überfluss zu einem hohen Preis, und sie ist nicht in allen Universitätsbibliotheken vorrätig.

Ich würde diese Online-Veröffentlichung jetzt gerne nachzuholen, auch ohne Einverständnis des Verlags. Ich bin der Meinung, dass das Geschäftsmodell des Verlags aus der Zeit gefallen und – falls es das wirklich jemals war – heute nicht mehr vertretbar ist. Ihm sollte kein exklusives Nutzungsrecht an meiner Arbeit zustehen, auch wenn ich mich vor Jahren damit einverstanden erklärte, es abzutreten.

Wenn die Studie nun tatsächlich, auf welchen Wegen auch immer, im Internet landete, wäre das nicht einmal zum Schaden des Verlags – den Jahresabrechnungen nach, die er mir nicht schickt, verkauft er ohnehin keine Exemplare mehr. Wäre es unter diesen Umständen vertretbar, bei der Online-Veröffentlichung ein wenig nachzuhelfen, oder sich zumindest nicht dagegen zu wehren, wenn sie jemand vornehmen möchte?”

Butt-No

Juli 29th, 2011

Weil die Frage jetzt mehrfach kam, z.T. im Spam, z.T. auch nicht: Nein, es gibt hier keinen Facebook-Like-Button, sorry. Wenn das Blog ohne keiner findet, dann findet’s halt keiner.

Ewige Problemlagen

Juli 19th, 2011

Frank Schirrmacher, dem Matthias Dell im “Altpapier” völlig zurecht ein “Gespür für upcoming Problemlagen” bescheinigt, hat in der FAZ eine “europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine” gefordert, “die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt”. Das ist erstmal gut. Er komme in diesem Text, schreibt Dell, “ohne den eschatologischen Furor aus(…), der das ‘Payback’-Buch noch begleitete.” Auch das ist doch schön.

An einigen Stellen seines Textes bin ich aber gestolpert. Immer wenn es ums Internet geht, muss man sich ja eigentlich fragen: Ist das jetzt wirklich neu, oder ist das Beschriebene so neu gar nicht und wird nun nur anders vertrieben? Konkret habe ich den Eindruck, dass zumindest eine These von Schirrmachers Text wenig wert ist, wenn man sich fragt: Beschreibt er hier wirklich ein Netzphänomen – oder deklariert er es nur so?

Er schreibt also über die Onlinerezeption einer Studie “über die Wirkung digitaler Speicher auf das menschliche Erinnerungsvermögen”: “die Mitteilungen der Forscher sind mittlerweile durch die Lektüremaschinen des Internets gegangen und haben eine Unzahl einander zum Teil krass widersprechender Deutungen provoziert”, und er nennt die Beispiele ‘Internet macht vergesslich’ (Spiegel online) und ‘Internet macht vielleicht doch nicht dumm’ (Zeit online).

Schirrmacher: “Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten.”

Das aber halte ich für eine jener Überinterpretationen des Gegenwartsexegeten, die sich rasch in nichts auflösen, wenn man sich fragt: War denn ersteres jemals anders? Und ist zweiteres nicht vielleicht sogar oft genug – angemessen?

Dass Studienergebnisse nicht im Sinn der Erfinder interpretiert und rezipiert werden, ist jedenfalls wohl kaum eine Folge der Digitalisierung; man findet nur die Interpretationen schneller, und es gibt womöglich – sicherlich – mehr davon. Manche Interpretation mag dann auch falsch sein, zugespitzt, unwissend, whatever. Aber eine Folge des Netzes ist die zum Teil nichtwissenschaftliche Behandlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Folgt nicht jede Form von nicht wissenschaftlicher Publizistik in der Regel “nicht den Regeln der Wissenschaft”?

Nehmen wir ein Beispiel aus der FAZ: Im Vorfeld der Fußball-WM in Südafrika berichteten deutsche Medien bisweilen über Kriminalität im Gastgeberland. Es gab auch hin und wieder mal eine Studie zur Entwicklung von Straftaten. Und so titelte etwa 2009 die Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Mehr Gewaltverbrechen in WM-Städten.” Das war zum Beispiel nicht falsch. Die Zahl der Raubüberfälle auf Privathäuser und Geschäfte etwa in Johannesburg war gestiegen. Allerdings: Die zentrale Aussage war das nicht. Erstens war die Zahl der Morde gesunken. “Weniger Morde in WM-Städten” (die Zeile, die ich vermutlich gewählt hätte, weil mir diese populistische Kriminalitätsassoziation mit Südafrika einfach sehr gegen den Strich ging) wäre also ebenfalls richtig gewesen. Zweitens gab es “mehr Gewaltverbrechen” lediglich in einigen WM-Städten. Und drittens fanden die besagten Gewaltverbrechen vor allem in den Townships statt, also eigentlich in der Umgebung der WM-Städte.

Die FAZ-Zeile war also nicht grundlegend falsch, aber fasste auch nicht wirklich zusammen, was tatsächlich in den Studien stand. Ein Netzphänomen? Man nennt es auch Journalismus.

Update 12.39 Uhr: Eine andere Position als Nicholas Carr, den, vermutlich aus Treue zu den Fakten, die mit Glauben nichts zu tun haben, Frank Schirrmacher zitiert, findet sich bei wired: “By sharing and comparing our memories, we can ensure that we still have some facts in common, that we all haven’t disappeared down the private rabbit hole of our own reconsolidations. In this sense, instinctually wanting to Google information – to not entrust trivia to the fallible brain – is a perfectly healthy impulse. (I’ve used Google to correct my errant memories thousands of times.) I don’t think it’s a sign that technology is rotting our cortex – I think it shows that we’re wise enough to outsource a skill we’re not very good at.”

Carr: “Wenn wir unser persönliches Gedächtnis formen, formen wir auch Assoziationen zwischen einzelnen Erinnerungen, die nur wir haben und die unentbehrlich sind für die Entwicklung eines tiefen, konzeptionellen Wissens.”