Archive for the ‘WM 2010’ Category

Ewige Problemlagen

Juli 19th, 2011

Frank Schirrmacher, dem Matthias Dell im “Altpapier” völlig zurecht ein “Gespür für upcoming Problemlagen” bescheinigt, hat in der FAZ eine “europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine” gefordert, “die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt”. Das ist erstmal gut. Er komme in diesem Text, schreibt Dell, “ohne den eschatologischen Furor aus(…), der das ‘Payback’-Buch noch begleitete.” Auch das ist doch schön.

An einigen Stellen seines Textes bin ich aber gestolpert. Immer wenn es ums Internet geht, muss man sich ja eigentlich fragen: Ist das jetzt wirklich neu, oder ist das Beschriebene so neu gar nicht und wird nun nur anders vertrieben? Konkret habe ich den Eindruck, dass zumindest eine These von Schirrmachers Text wenig wert ist, wenn man sich fragt: Beschreibt er hier wirklich ein Netzphänomen – oder deklariert er es nur so?

Er schreibt also über die Onlinerezeption einer Studie “über die Wirkung digitaler Speicher auf das menschliche Erinnerungsvermögen”: “die Mitteilungen der Forscher sind mittlerweile durch die Lektüremaschinen des Internets gegangen und haben eine Unzahl einander zum Teil krass widersprechender Deutungen provoziert”, und er nennt die Beispiele ‘Internet macht vergesslich’ (Spiegel online) und ‘Internet macht vielleicht doch nicht dumm’ (Zeit online).

Schirrmacher: “Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten.”

Das aber halte ich für eine jener Überinterpretationen des Gegenwartsexegeten, die sich rasch in nichts auflösen, wenn man sich fragt: War denn ersteres jemals anders? Und ist zweiteres nicht vielleicht sogar oft genug – angemessen?

Dass Studienergebnisse nicht im Sinn der Erfinder interpretiert und rezipiert werden, ist jedenfalls wohl kaum eine Folge der Digitalisierung; man findet nur die Interpretationen schneller, und es gibt womöglich – sicherlich – mehr davon. Manche Interpretation mag dann auch falsch sein, zugespitzt, unwissend, whatever. Aber eine Folge des Netzes ist die zum Teil nichtwissenschaftliche Behandlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht. Folgt nicht jede Form von nicht wissenschaftlicher Publizistik in der Regel “nicht den Regeln der Wissenschaft”?

Nehmen wir ein Beispiel aus der FAZ: Im Vorfeld der Fußball-WM in Südafrika berichteten deutsche Medien bisweilen über Kriminalität im Gastgeberland. Es gab auch hin und wieder mal eine Studie zur Entwicklung von Straftaten. Und so titelte etwa 2009 die Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Mehr Gewaltverbrechen in WM-Städten.” Das war zum Beispiel nicht falsch. Die Zahl der Raubüberfälle auf Privathäuser und Geschäfte etwa in Johannesburg war gestiegen. Allerdings: Die zentrale Aussage war das nicht. Erstens war die Zahl der Morde gesunken. “Weniger Morde in WM-Städten” (die Zeile, die ich vermutlich gewählt hätte, weil mir diese populistische Kriminalitätsassoziation mit Südafrika einfach sehr gegen den Strich ging) wäre also ebenfalls richtig gewesen. Zweitens gab es “mehr Gewaltverbrechen” lediglich in einigen WM-Städten. Und drittens fanden die besagten Gewaltverbrechen vor allem in den Townships statt, also eigentlich in der Umgebung der WM-Städte.

Die FAZ-Zeile war also nicht grundlegend falsch, aber fasste auch nicht wirklich zusammen, was tatsächlich in den Studien stand. Ein Netzphänomen? Man nennt es auch Journalismus.

Update 12.39 Uhr: Eine andere Position als Nicholas Carr, den, vermutlich aus Treue zu den Fakten, die mit Glauben nichts zu tun haben, Frank Schirrmacher zitiert, findet sich bei wired: “By sharing and comparing our memories, we can ensure that we still have some facts in common, that we all haven’t disappeared down the private rabbit hole of our own reconsolidations. In this sense, instinctually wanting to Google information – to not entrust trivia to the fallible brain – is a perfectly healthy impulse. (I’ve used Google to correct my errant memories thousands of times.) I don’t think it’s a sign that technology is rotting our cortex – I think it shows that we’re wise enough to outsource a skill we’re not very good at.”

Carr: “Wenn wir unser persönliches Gedächtnis formen, formen wir auch Assoziationen zwischen einzelnen Erinnerungen, die nur wir haben und die unentbehrlich sind für die Entwicklung eines tiefen, konzeptionellen Wissens.”

1962, 1970, 1978, 1982, 1986, 1994, 1998

Juni 16th, 2010

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) in einem Video-Interview mit der Leipziger Volkszeitung: “Deutschland wird deshalb Weltmeister, weil Deutschland immer nur dann Weltmeister geworden ist, wenn die FDP in einer Bundesregierung gewesen ist. (…) Deswegen hat es auch 2006 nicht geklappt.”

Abgesehen davon, dass ich mich frage, ob der Mann in der Unterhaltungsschiene von Sat.1 nicht auch gut aufgehoben wäre, gibt es noch einen Umkehrschlusshaken: Nicht immer wurde die DFB-Mannschaft auch Weltmeister, nur weil die FDP in einer Bundesregierung war, als da wären die Jahre 1962, 1970, 1978, 1982, 1986, 1994 und 1998. In 70 Prozent der Weltmeisterschaften, die ausgetragen wurden, während die FDP mitregierte, wurde der Deutsche Fußball-Bund also nicht Weltmeister. Vielen Dank dafür.

Joe Vuma und der Fußball

Mai 7th, 2010

Die Fußballweltmeisterschaft, die in Südafrika im Juni ansteht, ist auch für die Entwicklungszusammenarbeit ein Thema. Die Welt denkt an Fußball – also geht es auch in der EZ um Fußball. Bei Kulturzeit Online steht ein Text über ein Fußballprojekt der GTZ in u.a. Südafrika…

Schwerer Fehler von Hoeneß

Januar 27th, 2010

Angst vor Südafrika ist ein bisschen wie die Schweinegrippe. Uli Hoeneß hat Schweinegrippe: Er fährt nicht nach Südafrika. Und bezeichnet es als schweren Fehler, die Fußball-WM an Südafrika vergeben zu haben. Heute bei Spiegel Online.

Wenn ich den Artikel recht überblicke, hat Hoeneß Südafrika allerdings nicht mit Angola gleichgesetzt, auch wenn das da irgendwie angedeutet wird.

Nächster Gedanke: Dass Nationalspieler “Angst haben, ihre Familie mitzunehmen”, wie dort der Dings zitiert wird, spricht übrigens eher dafür, dass es übertriebene Angst gibt, als dafür, dass den Familien etwas passiert.

Jedenfalls, wo waren wir, genau: Jedenfalls sprechen Hoeneß’ Aussagen dafür, dass er mit großzügigen Scheuklappen gesegnet sein muss. Nervt.

Hier übrigens die mittelgroße Tube Senf, die ich vor kurzem zum Themenfeld Angst/Afrika/Schweinegrippe/Nervt ausgedrückt habe.

Zukunft Südafrikas nach Angola

Januar 13th, 2010

Danny Jordaan, der Cheforganisator der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika, hatte nach dem Angriff auf den Bus der togolesischen Fußballmännernationalmannschaft vor dem Africa-Cup in Angola kritische Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese: „Welchen Einfluss hat die Attacke auf die WM in Südafrika?“ Die Frage ist ziemlicher Unsinn, ebenso gut könnte man den peruanischen Botschafter fragen: „In Mexiko soll das Essen scharf sein. Sollte man als jemand, der scharfes Essen nicht verträgt, in Peru Urlaub machen?“

Jordaan reagierte durchaus angemessen, mit einer Gegenfrage: „Stellen Sie dem deutschen Organisationskomitee Fragen nach dem Kosovokrieg?“ Die Antwort lag schon in seiner Frage: Natürlich stellte diese Frage vor der WM in Deutschland 2006 niemand.

Man sollte sehr vorsichtig damit sein, Südafrika nach dem Vorfall beim Africa Cup gefährlich zu reden. Weil in einer umkämpften angolanischen erdölreichen Provinz, die doppelt so weit von Johannesburg entfernt ist wie Berlin vom Kosovo, Rebellen für die Unabhängigkeit kämpfen und das Fußballturnier, das dort ausgetragen wird, für ihre Zwecke instrumentalisieren, indem sie den Bus einer teilnehmenden Mannschaft angreifen, soll während der WM in Südafrika irgendetwas passieren, was nicht unabhängig davon ohnehin passieren würde, falls es passiert? Wer immer dem Reflex, einen Zusammenhang herzustellen, erliegt, kann nicht lange nachgedacht haben.

Solch irrwitzige Thesen werden nur deshalb überhaupt diskutiert, weil Afrika so mit starren Bildern beladen ist: Hunger, staubige Straßen, Kriminalität, Holzschmuck, Massai, und im Sonnenuntergang sagt der Trommel spielende Löwe dem Kindersoldaten gute Nacht. Und wenn eh alles eins zu sein scheint, werden eben auch Sicherheitsprobleme im Rahmen einer Fußballgroßveranstaltung schlichtweg als gesamtafrikanisches Problem wahrgenommen.

Der Reflex, Afrika zu homogenisieren, ist offenbar einfach nicht aus der Welt zu schaffen. Der Präsident des Fußballweltverbands Fifa selbst, Josef Blatter, hat ihn ständig bedient, als er im Rahmen der Vorbereitungen der WM in Südafrika immer wieder die Planungen in Zweifel zog. Motto: Afrika? Da muss ja wohl was schief gehen.

Die Stadien, zum Beispiel, drohten angeblich nicht fertig zu werden. Und nun? Sie stehen längst und leuchten. Blatter folgte diesen Reflex im Grunde auch jetzt, als er nach dem Überfall von Cabinda betonte: „Ich habe vollstes Vertrauen in Afrika und bin sicher, dass der Kontinent eine Fußball-WM organisieren kann.“ Der Kontinent? Wird nicht nur in Südafrika gespielt?

Die ganze Diskussion über den Zusammenhang von Cabinda und Südafrika ist aufgeblasen. Es ist eine Mediendebatte, und dass sie jetzt geführt wird, liegt daran, dass es nun einen Anlass für eine Frage gibt. Das ist journalistisches Proseminar: „Wenn Sie einen Artikel schreiben wollen, warten Sie auf einen Anlass dafür.“ Angola ist der schlechte Anlass, mal wieder über Sicherheit in Südafrika zu spekulieren.

Doch was dieses Thema – Sicherheit in Südafrika – betrifft: Die Verbrechensrate ist tatsächlich, unabhängig von Angola, bemerkenswert. Aktuell kursiert zum Beispiel diese Zahl: Die Zahl der Morde ist von März 2008 bis März 2009 zwar um drei Prozent auf 18.000 Fälle gesunken, doch damit ist die Anzahl pro 100.000 Einwohner immer noch fast 20 Mal höher als in Deutschland.

Zahlen sind, so abstrakt und zusammenhangslos sie oft in die Welt kommen, konkret genug, um sich vorstellen zu können, was alles passieren könnte. Und je häufiger solche Zahlen zitiert werden, desto stärker werden sie Teil des Bildes von Südafrika. Die Medien des Landes selbst quillen ja über von statistischen Daten, der Frage, wie ernst sie zu nehmen seien, und von Interviews mit Verbrechensopfern.

Kriminalität ist so Teil der südafrikanischen Erzählung geworden, wie es in einer ethnologischen Studie von  Jean und John Comaroff (2006 ) heißt: In Südafrika selbst sei die Beschäftigung mit Kriminalitätsstatistiken eine „öffentliche Obsession“ geworden, die es schwierig mache, zwischen der Realität und der Statistik zu unterscheiden. Es gebe die Tendenz, zu ignorieren, wer von der Kriminalität vor allem betroffen sei: „die Leute in den Townships“. Nicht Touristen auf Luxustour durch die Nationalparks und nicht Fußballnationalmannschaften.

Das heißt nicht, dass man als WM-Tourist in Südafrika unvorsichtig sein muss. Das heißt nur, dass Zahlen Idioten sein können und man ihnen nicht unbedingt vertrauen darf. Ebenso wenig wie ihren alten Kumpels: den absurden Assoziationen. Wie der Assoziation, es gebe einen Zusammenhang zwischen der WM und Cabinda.

(Zuerst erschienen in der taz.)