Bei der re:publica 2010 sprach im Großen Saal des Berliner Friedrichsstadtpalasts Peter Kruse. Der Saal war rappelvoll. Und der Titel von Kruses Vortrags lautete: “Wie Netzwerke Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren”.
Seine Einstiegsfrage lautete: Warum polarisiert das Internet? Hier “fast euphorische Akzeptanz”, so Kruse. Dort Stirnrunzeln. Hier strikt pro Internet – trotz aller bekanntermaßen offenen Fragen. Dort strikt contra Internet – trotz aller bekanntermaßen gegebenen Antworten. Gruppe a gegen Gruppe b.
Kruse zeigte also einen Gegensatz auf, der über viele Jahre zu beobachten war – und meines Erachtens immer noch beobachtbar ist, auch wenn er derzeit etwas aus dem Blickfeld der netzinternen Netzeinschätzer verschwunden ist. Fragen Sie mal wahllos jemanden gesetzteren Alters, der keinen Schreibtischberuf hat – da kriegt man schnell den Eindruck: Die alten Lager existieren schon noch.
Kruse konzentrierte sich jedoch nicht auf die Unterschiede zwischen den “Heavy Usern” des Internets und den Digitalverweigerern, sondern ausschließlich auf Unterschiede in der Gruppe der “Heavy User”, also derer, die täglich lange im Internet surfen. Und er zeigte, dass es auch unter ihnen keinen Konsens gebe, sondern deutliche Unterschiede in den Werturteilen. Es gebe, sagte Kruse, genau zwei Lager. Digital Visitors, also digitale Besucher, und Digital Residents, also digitale Einwohner.
Er berief sich dabei auf die – nach wissenschaftlichen Maßstäben freilich nicht ausreichende, aber trotzdem erhellende – Auswertung von Interviews mit 191 regelmäßigen und intensiven Nutzern des Internets. Nur die eine Gruppe fühle sich im Internet heimisch, während die andere mit den kulturellen Eigenheiten des Netzes wenig anfangen könne.
Ich fasse zusammen:
Wo die Digital Visitors Überforderung sehen, freuen sich die Digital Residents darüber, dass sie die Komplexität der Welt in Echtzeit selbst entdecken und sie aktiv mitgestalten können.
Die Visitors legen Wert auf “echte Begegnungen”, wollen “präzise Informationen mit echtem Tiefgang anbieten” und wollen nicht “hilflos in nicht kontrollierbaren Datenfluten versinken”.
Die Residents setzen auf die “inspirierende Vielfalt” menschlicher Kontakte, wollen “über Austausch und Empfehlung gut am Ball bleiben” und keinesfalls “auf kostspielige alte Beschaffungswege angewiesen sein”.
Visitors ziehen ein persönliches Gespräch dem Kontakt über das Internet eindeutig vor, Residents finden beide Kommunikationsformen gleichermaßen attraktiv.
Während Visitors und Residents Parteipolitik eher ablehnend betrachten und beide einen deutlich stärkeren Bezug zu direkter Demokratie haben, schätzen die Digital Visitors die Rolle des Internets für die Demokratie eher gering ein, Digital Residents dagegen eher hoch: Flashmobs, Online-Petitionen und Twitter halten sie – im Gegensatz zu den Digital Visitors – für relevante Formate der politischen Beteiligung.
Digital Visitors wollen nicht, so Kruse:
- absichtlich ausgedachte Scheinidentitäten aufbauen
- viel zu naiv mit ihren persönlichen Daten umgehen oder
- den Wettbewerb egoistischer Selbstvermarkter anheizen.
Sie wollen:
- eine stabile Basis für gegenseitige Offenheit schaffen
- erst eine tragfähige geteilte Wirklichkeit aushandeln
- über geteilte Lebenswege Wertekonsens absichern.
Digital Residents wollen nicht:
- distanziert und verdeckt eigene Interessen verfolgen
- Vertrauensbasis durch fehlendes Profil erschweren oder
- Möglichkeiten menschlicher Kontakte einschränken.
Sie wollen:
- gestaltend in die Gesellschaftsdynamik eingreifen
- nahezu kostenfrei von globaler Kreativität profitieren
- komplexe Gesellschaftsdynamik hautnah miterleben oder
- Unterschiedlichkeit als Quelle der Inspiration nutzen.
Kruse fasste zusammen, was auf der Hand lag, aber in dieser Klarheit noch nicht zu finden gewesen war. Als er mit seinem Vortrag fertig war, wurde er von den vornehmlich jüngeren Leuten im großen Saal ausdauernd rhythmisch beklatscht und von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, deren Herausgeber Kruse zuvor für seine kulturpessimistische Haltung kritisiert hatte, auf einer ganzen Seite zum Scharlatan heruntergeschrieben, der Bekanntes so kompliziert ausdrücke, dass es so klinge, als gäbe es ein Problem, das nur er als Netzwerkberater lösen könne. Das Medienblog Carta warf daraufhin der FAZ “Internet-Bashing” vor. Der kleine Konflikt zeigte auf elegante Art, dass Kruse – vielleicht nicht nach wissenschaftlichen Maßstäben, aber trotzdem – recht hatte mit seinen Thesen von der in zwei emotionale Lager gespaltenen Öffentlichkeit. Auch Kruse selbst ließ sich in ein Lager eingemeinden, als er sich mitten im Vortrag zu der Bitte an alle von ihren Werturteilen getriebenen Internetkritiker hinreißen ließ, sie sollten doch “einfach mal die Klappe halten”.
Ich glaube, diese zwei Lager gibt es auch 2011 noch. Sie sind nicht streng an einer Generationenlinie entlang trennbar, aber sie sind annähernd noch an einer Generationenlinie trennbar. Die Hälfte der Deutschen über 50 ist online, aber nur 4 Prozent der 60-Jährigen sind in sozialen Netzwerken. Um nur ein Beispiel zu nennen. Kurz, der Unterschied besteht nicht unbedingt zwischen Offlinern und Onlinern (wo die Jüngeren eindeutig eher den Onlinern zuzurechnen sind, während die Älteren eher zweigeteilt sind), sondern in den Onliner-Verhaltensweisen.
Wenn ich also derzeit immer wieder mal die natürlich berechtigte Frage beantworten muss, warum ich darauf beharre, dass es einen Generationenunterschied gibt, dann liegt das daran, dass ich das tatsächlich glaube. Es gibt natürlich keine starre Linie, die man genau bei 29 oder genau bei 35 ziehen könnte – aber dass das Alter (nicht ausschließlich das Alter, aber auch wesentlich das Alter) einen Unterschied für die Frage macht, ob man im Kruseschen Sinn Visitor oder Resident ist, liegt für mich auf der Hand.
Nicht weil Ältere blöd sind und ich mit meinen 32 irgendwie noch jung sein will, auch wenn ich mir im Buch die Sprechpositionen auch von 16-Jährigen angeeignet habe. Sondern weil es selbstverständlich einen Unterschied macht, ob man mit dem ganzen Käse aufgewachsen ist oder nicht. Das halte ich für ziemlich eindeutig. Um nicht zu sagen: nicht nur ziemlich.
UPDATE 13.04.:
In einem Blog habe ich auf die Frage, “was das” – also die Einschätzung von Netzzu- oder -abgewandtheiten – “immer mit dem Alter zu tun haben muss”, geantwortet, und zwar:
Der Generationszusammenhang besteht nicht darin, dass alle Angehörigen einer Generation dieselben Antworten geben, sondern darin, dass sie sich dieselben Fragen stellen. Das heißt, nicht alle aus der digitalen Generation sagen: tolles Internet, wir brauchen mehr davon. Aber alle müssen sich fragen: mehr davon oder lieber nicht?
Diese Frage stellen sich Leute, die schon was älter sind, nicht zwangsläufig. Viele tun es – aber dann nicht aus Generationszugehörigkeitsgründen. Die sog. Digital Natives dagegen tun das, weil sie gar nicht anders können, als sich mit diesen Fragen zu beschäftigen.
Außerdem war die Kritik: “Peter Kruse hat das ja auf der Republica 2010 auch anders dargestellt.”
Stimmt. Aber er hat nur den halben Datensatz veröffentlicht: Er betrachtete ausschließlich die “heavy user”, siehe oben. Die seien nicht altersgebunden, es gebe jüngere und ältere. Das kann ich mir gut vorstellen. Allerdings gibt es einen Generationsunterschied zwischen heavy usern und Digitalverweigerern. Letztere sind nach wie vor eher älter, auch wenn die Gruppen sich langsam annähern. Darüber hat Peter Kruse nicht gesprochen, und nur so konnte er zur Auffassung gelangen, die Generation spiele keine Rolle.